April 2020
Im Corona-Würgegriff

Chris Gessner

04.04.2020

«In einigen Wochen werden wir uns fragen: Sind wir eigentlich völlig von Sinnen gewesen?»
Schweiz und Deutschland im Würgegriff von Corona: Welche Folgen hat die Pandemie? Der Ökonom Reiner Eichenberger spricht in «NZZ Standpunkte» über eine kontrollierte Durchseuchung, den finanziellen Kollaps, und er berechnet die Kosten eines Menschenlebens.

Welches ist der beste Weg aus dem Lockdown? Regierung, Parteien und Experten streiten seit Tagen über die optimale Lösung. Doch kaum ein Vorschlag sorgte für derart grosse Aufregung wie jener von Reiner Eichenberger. Der Ökonom der Universität Freiburg sprach sich für eine medizinisch gelenkte Durchseuchung eines Grossteils der Bevölkerung aus. Je mehr Leute das Virus gehabt hätten, desto weniger könne es sich unkontrolliert ausbreiten und Alte und Schwache gefährden, argumentierte er. Die Reaktionen auf seine Idee reichten von «lebensgefährlich» über «irre» bis «genial». In der jüngsten Ausgabe von «NZZ Standpunkte» mit NZZ-Chefredaktor Eric Gujer und der Politphilosophin Katja Gentinetta doppelt Eichenberger nach – und nennt ausgerechnet ein oft kritisiertes Land als Vorbild.

«Wir stehen vor einer Krise, wie wir sie noch nie gesehen haben», sagt Eichenberger über die Corona-Pandemie. Um diese zu meistern, benötige die Schweiz schnell genügend Leute, die immun seien. Gerade Pflegerinnen und Pfleger sollten die Krankheit idealerweise bereits hinter sich haben, damit sie sich ohne Probleme um ältere Patienten kümmern könnten. Auch die Wirtschaft würde bei vielen Immunen schneller wieder in Gang kommen. Eichenberger spricht von einem nötigen Durchseuchungsgrad von 70 Prozent.
Ob er auch die Verantwortung für negative Folgen seines «gigantischen Sozialexperiments» tragen würde, will Gujer von seinem Gast wissen. «Natürlich», sagt Eichenberger, er hafte mit seiner Reputation. Die Regierungen hafteten hingegen mit gar nichts. «Auf eine gelenkte Immunisierung zu verzichten, ist das viel dramatischere Experiment.» Denn zu einer allmählichen Durchseuchung werde es ohnehin kommen. Ein Lebensjahr kostet bis zu 50 Millionen Franken
Die Verzögerungsstrategie der Schweiz – und fast ganz Europas – drohe zu scheitern. Die Staaten setzten den Fokus falsch. «Wir reagieren panisch und starren bloss auf die Toten», sagt er. Besser wäre es, so Eichenberger, rational zu handeln und auf gewonnene Lebensjahre zu blicken. Die meisten Menschen, die wegen des Coronavirus stürben, seien über 80 Jahre alt. Ihr Tod sei zwar schlimm, aber diese Menschen würden keine 40 Jahre mehr leben. «Was wir einsetzen, um ein Lebensjahr zu retten, beläuft sich auf bis zu 50 Millionen Franken. Würde ein Medikament, mit dem jemand noch ein Jahr länger leben kann, so viel kosten, würde die Gesellschaft doch sagen: Spinnt ihr?», sagt Eichenberger überzeugt. Die Schäden, die wegen des Lockdown an Demokratie, Politik, Wirtschaft und Gesundheit entstünden, seien riesig. «In ein paar Wochen werden wir uns fragen: Sind wir eigentlich völlig von Sinnen gewesen?»
Nun gelte es, ehrlich zu kommunizieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen, sagt Eichenberger. Doch statt an einer offenen Debatte mit den besten Ideen beteilige sich die Schweiz an der Spirale des Schweigens. Einzig Schweden habe dem moralischen Druck standgehalten. Das Land hält Schulen, Restaurants und Skigebiete weiter offen, setzt stattdessen auf die Eigenverantwortung der Bürger. Die Skandinavier haben eine grandiose Leistung vollbracht. Unsere Politiker müssen sich daran ein Beispiel nehmen.

Die Schweiz sollte jetzt Corona-Zertifikate ausstellen.
Auch über die wirtschaftlichen Konsequenzen für Europa diskutierte das Trio. Zumindest in der Schweiz seien die Kosten deutlich höher als während der Finanzkrise 2008. Doch auch weltweit seien es ganz andere Dimensionen, weil nicht nur ein Teil der Wirtschaft betroffen sei, sondern das ganze System. «Es werden ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen und Europa an den Rand des Abgrundes führen», so Eichenberger Befürchtung. «Die Schweiz und Deutschland müssen nun voranschreiten mit klaren Worten und einer offenen Politik.»
Eine wirtschaftliche Chance sieht Eichenberger aber auch in Zeiten der Krise. Die Menschen würden künftig nur noch Handel betreiben und sich frei bewegen können, wenn sie ein Corona-Zertifikat vorweisen könnten. «Wenn die Schweiz als erstes Land zertifiziert, dass jemand Corona hatte und wieder gesund ist, wird das ein Weltmarktrenner.» Viele Leute würden sich ein solches Zertifikat ausstellen lassen wollen. «Ein Corona-Zertifikat könnte quasi ein neuer Schweizer Pass werden.»

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